Kims untreue Kinder

von lschnabl

Jedes Jahr fliehen Hunderte Nordkoreaner in den Süden. Sie passen sich schnell dem Turbokapitalismus an, trinken Caramel Macchiato und treten im Fernsehen auf. Trotzdem bleiben sie häufig in ihrer Vergangenheit gefangen. Von Barbara Bachmann und Lena Schnabl (UniSPIEGEL, Januar 2018)

Nara Kang sitzt in ihrem Zimmer, sechs Quadratmeter ist es groß, und winkt ihren 17547 Fans zu. Sie hat sich zurechtgemacht: Die Haare mit dem Lockenstab in Szene gesetzt, die Lippen rot nachgezogen, die Haut gepudert. „Hellooo, nice to meet.“ Nara, 20 Jahre alt, ist vor zwei Jahren aus Nordkorea nach Seoul geflohen. Deshalb, unter anderem, ist sie jetzt berühmt, so merkwürdig das klingt.

Pyung Lee, den rechten Arm mit Tattoos übersät, die Augenbrauen gezupft, die Haare zum hippen Undercut frisiert, rührt in seinem Kaffee – „Ice Americano“ – und plant sein nächstes Ding. Pyung, 23, ist vor zwölf Jahren aus Nordkorea geflohen. Deshalb, unter anderem, hat er das Berühmtwerden, die Liveshows und Fernsehauftritte schon hinter sich.

Süd- und Nordkorea, zwei Welten, geteilt seit 1953: Der Norden ist eine kommunistische Diktatur, so abgeschottet wie kein anderes Land. Der Süden ist Hochleistungskapitalismus, so schnell aufgestiegen wie kaum ein anderes Land.

In den Köpfen vieler Südkoreaner sind die Nordkoreaner ewig gestrige Fabrikarbeiter, aufgewachsen mit Hunger statt Bildung. Bemitleidenswert, uncool, faul. Doch die junge Generation von Nordkoreanern entspricht längst nicht mehr diesem Bild. Mit offiziell verbotenen südkoreanischen Serien und Hollywoodfilmen groß geworden, ist ihnen die Welt des Südens nicht fremd. Die Neugier darauf – und immer seltener die Flucht vor Armut und Hunger – treibt sie zu ihrer gefährlichen Reise.

Über China gelangen sie in den Süden. Dort sehen sie endlich, was sie bisher nur vom Bildschirm kannten: Hochhäuser mit blinkenden Leuchtreklamen, Staus auf den Straßen, jeden Monat andere Klamotten in den Läden. Die Zuwanderer aus dem Norden passen sich schnell an, und sie wollen dabei gesehen werden, so wie Nara.

Deshalb machen sich viele zu Hauptdarstellern ihrer eigenen Show: im Internet. „Hellooo, nice to meet.“ Nara wird nicht müde, diesen Satz zu wiederholen. Das „meet“ spricht sie wie „miiieeetsch“ aus. Dann verabschiedet sie sich, drückt auf „Verbindung trennen“. Feierabend. Zwei Stunden lang hat sie vor der Webcam gesessen und ihren Fans vorgesungen, ihnen von ihrem Frühstück erzählt – Erdbeeren und Joghurt –, hat Likes gesammelt und sich bei jedem einzelnen Follower mit einem „Thank youuu“ bedankt. Seit zwei Wochen hat Nara ihre eigene Liveshow auf Bigo-TV.

„In Südkorea habe ich das erste Mal vom Internet gehört“, sagt sie. „Am Anfang habe ich es nicht genutzt. Es hat mich einfach nicht interessiert.“ Dann erfuhr sie, dass man dort einkaufen, Nachrichten schauen und die Welt sehen kann. „Ich war sehr überrascht.“

Nach weniger als zwei Jahren im Netz ist Nara das, was man einen Social-Media-Star nennen könnte. Sie nutzt Instagram, Facebook, KakaoTalk und WeChat, erhält Bewunderung in Form von Hunderten Likes. Am Anfang war das anders: Gerade mal zehn „Daumen hoch“ gab es für ihren ersten Facebook-Post. Niemand kommentierte – also kommentierte sie selbst. Und dann kam das Fernsehen.

In Südkorea gibt es Dutzende Shows, in denen Geflohene aus Nordkorea auftreten und damit gutes Geld verdienen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Nordkoreaner zu sein. Denn die allermeisten Südkoreaner haben noch nie einen realen Nordkoreaner getroffen und sind ihrerseits neugierig, wie das Leben auf der anderen Seite der Grenze funktioniert. Bei ihrer ersten Show, Nara war gerade 19 Jahre alt, wurde ihr Gesicht „rot wie eine Tomate“, und sie schämte sich, als sie sich später selbst sah. Aber bald gewöhnte Nara sich daran. Mittlerweile gibt es kaum eine Show, in der sie nicht schon mal aufgetreten ist. Sie hatte Dates mit südkoreanischen Stars, wurde zum Schein sogar verheiratet. Ernste Themen werden von einer jungen Frau wie Nara nicht verlangt.

In der TV-Show „Moranbong Club“ ist Nara Teil der ständigen Besetzung. „Moranbong“ bezeichnet ein Viertel in Pjöngjang, mit Stadion und eigenem Fußballklub. Und auch die Lieblingsband Kim Jong-Uns, mit der seine Frau auftrat, trägt diesen Namen. In der südkoreanischen TV-Show sprechen die geflüchteten Nordkoreaner über ihre Heimat und ihr früheres Leben – und über Klatsch und Tratsch der Führerfamilie.

Im Studio sitzen separat vier glatt frisierte südkoreanische B-Promis: Komiker, Models, Sänger. Sie kommentieren jeden Satz der nordkoreanischen Überläufer mit „Ooooohhhh“ und „Aaaaahhh“. Das hat etwas von einer Freakshow, die Nordkoreaner sitzen auf dem Präsentierteller wie Affen im Zoo. Die Produktionsleitung wählt sie aus einer Liste von Neuankömmlingen aus, gesucht sind die krassesten Geschichten, die hübschesten Frauen und Kims ehemalige Verbündete.

Von dieser Art Inszenierung hält der tätowierte Pyung Lee nichts. Auch er trat einmal in einer solchen Show auf. Ihn störte aber der starr vorgegebene Ablauf. Um seine Geschichte so zu erzählen, wie er es sich vorstellt, ging er selbst live auf Sendung, startete einen eigenen Kanal auf AfricaTV, eine Art YouTube – vier Stunden täglich, beinahe ein Jahr lang. Da konnte er sagen, was er wollte. Über sich und Nordkorea und die gängigen Vorurteile, die er schon lange satt hat: „Nordkoreaner sollten dankbarer sein“, „Nordkoreaner sind faul“, „Nordkoreaner sind Spione“.

Die Zuschauer stellten Fragen, Pyung antwortete. Hast du öffentliche Hinrichtungen gesehen? Kannst du gut kämpfen? Hattest du schon eine Schönheitsoperation? „Viele sehen die Nordkoreaner nicht als einzelne Personen, sondern als Teil des Regimes“, sagt Pyung. Es gebe viel Misstrauen. Dem möchte er etwas entgegenstellen.

Er strahlt Ruhe aus, ist geduldig und sanft. Er spricht leise, doch die Tattoos auf seinem rechten Arm erzählen seine Geschichte in einem anderen Ton: Totenköpfe, wegen der vielen Leichen, die er gesehen hat auf den Straßen seiner Heimatstadt und im Grenzfluss Yalu, der Nordkorea von China trennt.

Bei seinem ersten Fluchtversuch war Pyung sieben Jahre alt. Auch ein Gesicht hinter Gittern ist in Tinte verewigt. Er wurde in China aufgegriffen und zurück nach Nordkorea gebracht. In ein Gefängnis. Ein Onkel kaufte ihn frei. Mit zehn Jahren floh Pyung erneut, diesmal kam er in Südkorea an.

Gut 31000 Nordkoreaner haben seit 1953 denselben Weg wie Pyung genommen. Die meisten gelangten mithilfe von Schleppern über den Grenzfluss Yalu nach China. Weil Nordkoreaner sich dort nicht legal aufhalten dürfen, geht die Flucht über Mittelsmänner weiter nach Südostasien und manchmal auch in die Mongolei. Von den dortigen südkoreanischen Botschaften werden sie nach Südkorea ausgeflogen.

Auch wenn seine Vergangenheit für immer unter seine Haut gestochen ist, hat Pyung sich schnell eingelebt. Er hat den harten nordkoreanischen Akzent abgelegt wie altmodische Kleidung, besuchte zusammen mit Südkoreanern die örtliche Schule. Zu ehemaligen Landsleuten hält er kaum Kontakt. Doch ähnlich wie Nara machte auch Pyung aus seiner Herkunft ein Geschäftsmodell. Mit seinen Videos verdiente er in den ersten neun Monaten umgerechnet 77000 Euro.

Die südkoreanische Regierung ist sehr darum bemüht, dass die Neuen sich gut eingewöhnen. Einmal angekommen, erhalten die Flüchtlinge den südkoreanischen Reisepass, eine Wohnung, Begrüßungsgeld. In einem Camp lernen sie drei Monate lang Geschichte und Politik aus der Perspektive des Südens, die südkoreanische Sprache, die mit Anglizismen durchsetzt ist. Außerdem lernen sie, wie sie in dem neuen Alltag bestehen, Geld abheben, Müll trennen oder Hamburger essen. Basiswissen für die moderne Welt.

Nara hat aus ihrer alten Heimat nur ein einziges Erinnerungsstück: eine Uhr – ein Geburtstagsgeschenk ihres Vaters. Sie holt sie aus einer Kiste unter ihrem Bett, legt sie um, doch die Uhr ist zu groß, hängt ihr inzwischen lasch am Handgelenk. In ihrer Heimat kannte Nara keinen Hunger, sie isst erst weniger, seit sie in Südkorea lebt. Stattdessen lässt sie sich im Krankenhaus Vitamine spritzen. Denn anders als im Norden gilt Schlanksein hier als Schönheitsideal. Und Nara ist ehrgeizig, sie möchte unbedingt Schauspielerin werden. Bisher erhält sie nur Zusagen für Rollen, in denen sie als Nordkoreanerin auftritt – im Theaterstück der Universität wie im Fernsehen.

In Nordkorea wurde sie wegen des Tragens einer Jeans bestraft. Heute besteht ihr Zimmer fast nur noch aus Schrank, Teddybären und Selfies. Eines lebensgroß und eingerahmt, ein Puzzle, tausend Teile: Nara. Sie hält den Kopf schief und das Smartphone in den Händen. „Südkorea hat Nara sehr verändert“, sagt ihre Mutter, die schon vor Jahren geflüchtet ist. Die beiden Frauen wohnen zusammen in einer Sozialwohnung im Südwesten Seouls. Früher sei Nara brav gewesen, gehorsam und leise. Nun sehne sie sich danach, im Mittelpunkt zu stehen.

Im Innenhof des Häuserblocks hat Nara ihr neu gekauftes Auto geparkt. Im silbernen Hyundai fährt sie ins Nobelviertel Gangnam, ihr Lieblingsviertel, wo sie ihr Leibgericht Sushi isst – ohne Reis, denn der macht dick. Auch das Sushi wirkt wie eine Kulisse für Naras neues Leben. Sogar wenn sie gerade nicht online ist, performt sie: greift sich ins Haar, Schmollmund, Selfies. Südkoreaner halten sie oft für eine der Ihren. Und dennoch sagt sie: „Freunde habe ich hier keine.“ Wäre Kim Jong-Un nicht mehr an der Macht, würde sie lieber wieder im Norden leben – „auch ohne Internet“.

Die Auswanderer bedienen sich ihrer alten Heimat, um Erfolg zu haben. Doch wenn das Etikett an ihnen haftet, ist ihnen das unangenehm. Selbst wenn sie wollten, können sie nicht zurück. Was soll aus ihnen werden?

Nara träumt von ihrem Durchbruch, von einer Rolle als „Südkoreanerin“. Sie träumt davon, dass sie das, was sie im echten Leben so gekonnt spielt, auch im fiktiven sein darf.

Und Pyung sucht für seine nächste Show nach Nordkoreanern, deren Geschichte das Volk noch nicht kennt. Solche, für die sich das südkoreanische Fernsehen nicht interessiert. Es gibt Zukunftsperspektiven für die jungen Nordkoreaner im Süden. Solange sie ihre Vergangenheit nicht loslassen.

Die Recherche wurde ermöglicht durch das Kartografenstipendium des Vereins „Fleiß und Mut e.V.“.

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