Bei ihm bin ich schön

von lschnabl

Dating ist mühsam und oft eine Enttäuschung. In Japan können Frauen auch den leichteren Weg wählen und sich einen Mann kaufen. Nicht für Sex, sondern für das gute Gefühl. Unsere Autorin wollte wissen, wie sehr man sich über Komplimente auf Bestellung freuen kann. Von Lena Schnabl (Neon, Oktober 2017)

Es war ein verregneter Dienstag, als ich beschloss, einen Mann zu kaufen. Ich hatte eines dieser schlechten Dates. Er war den Abend damit beschäftigt, auf seinem Handy rumzutippen. Ich hatte Zeit über die Liebe nachzudenken. Vielleicht sollte ich pragmatischer werden. Wie japanische Bekannte, die zu Profis gehen, um sich einzigartig zu fühlen. Die Geld auf den Tisch legen für die Liebe. Das wollte ich ausprobieren.

Nirgends geht das einfacher als in Japan. Seit über tausend Jahren tippeln dort die Geishas in Tatamiräumen, gießen Sake nach und zupfen auf der Langhalslaute Shamisen, um Männern einen schönen Abend zu machen. Das Konzept blieb, auch als die Geishas Hostessen wichen. Und schmucke Kimonos knappen Pushup-Bikinis. Und auch Männer bieten sich als Ware an. 1965 eröffnete der erste Hostclub in Tokyo, in dem Männer Frauen bezirzen. Es geht bei diesen Clubs nicht um Sex, sondern um Unterhaltung und Schmeichelei. Man zahlt für ein Gefühl. Für jemanden, der über Witze lacht oder Komplimente macht. Mittlerweile gibt es hunderte dieser Clubs. Die höchste Dichte hat das Rotlicht- und Vergnügungsviertel Kabuki-cho.

Dort stehe ich jetzt in einer engen Gasse, Stromkabelgewirr über mir, Stimmengewirr um mich herum. In dieses Viertel kommen Tokyoter um Dampf abzulassen. Karaoke, Bars, Spielhallen. Und die Clubs, in denen man für Gesellschaft zahlt. Auf Plakaten sehe ich schon die Männer, die ich mieten soll. Sie gleichen einander mit ihren blondierten, sorgsam zurecht gezupften Haaren. Die Namen ihrer Arbeitsstätten: Chance, Gently, Topdandy. Keine Ahnung, welcher der Beste ist. Ich entscheide mich für den mit dem beklopptesten Namen: Hans Axel von Fersen.

Weiße Säulen fassen den Türrahmen ein. Der Weg führt durch einen golden ausgeleuchteten Flur in den Keller. Männer säumen meinen Weg, verbeugen sich, als ich an ihnen vorbeigehe. „Willkommen!“ Schummriges Licht, verspiegelte Wände. Von den Decken hängen Leuchtschnüre in Kronleuchterformation. Sie wechseln ihre Farbe, tauchen den düsteren Raum mal in rötliches, mal in bläuliches Licht. Rosengestecke stehen auf den Tischen, daneben Champagnerflaschen. Sitzecken aus schwarzem Leder verteilen sich über den Raum. Soweit, so Puff. Einer der Männer weist mir einen Platz zu, kniet sich vor mich und gibt mir ein Büchlein in Spiralbindung. Ein Menü der Männer. Statt Vorspeise und Hauptgericht stehen hier die Gigolos auf der Karte. Der Typ, der vor mir kniet erwartet also meine Bestellung. „Oolongtee!“ sage ich erstmal um Zeit zu gewinnen. Kurz legt er seinen Kopf schief, als hätte er mich nicht verstanden, dann wieder: Höfliches Service-Lächeln.

Ich habe keine Ahnung, was ich hier tue, aber ich will währenddessen immerhin etwas trinken, was mir schmeckt. Neben mir sitzt einer mit feinen Gesichtszügen, kinnlangen Haaren und schwarzem Sakko. Er reicht mir seine Visitenkarte aus massivem Plastik, gold mit schwarzen Lettern. „Shun“ heißt er also. Ein Künstlername. Seit er volljährig ist, verkauft er seine Gesellschaft, mittlerweile ist er 30. Nach dem Schulabschluss hat er also nichts anderes gemacht, als Frauen zu unterhalten. „Na, gefällt Dir jemand?“ fragt er mich.

Ich blättere durch die Porträtfotos. Ein bisschen erinnert mich das hier an Tinder, wo man munter nach links und rechts wischt um zu matchen. Große Auswahl an Typen, aber fast unmöglich zu beurteilen, wer einem im echten Leben gefällt. Andererseits ist hier der Deal klar: man bekommt den Ausgewählten und bezahlt ihn dafür, nett zu sein. Etwas schäbig fühlt sich das schon an. Diese aneinander klebenden laminierten Seiten, wie beim China-Imbiss. Yuki, Spitzname „Pippi“, Rüschenhemd und weiß gefärbtes Haar, ist der beliebteste Host des Hauses. Besonderheit: „Ernstes Gesicht“. Nicht mein Typ. Ich blättere um. Nummer zwei sieht etwas älter aus. Laut Steckbrief Blutgruppe B, eine Angabe, die wichtig ist für Japaner, nicht, weil es einen Unfall im Club geben könnte, sondern weil sie an Blutgruppenhoroskope glauben. B bedeutet: Praktisch veranlagt, leidenschaftlich und zäh. Ich blättere weiter. Und weiter. Shun ist Nummer fünf. „Ich gebe mein Bestes, aber Nummer eins zu werden schaffe ich irgendwie nicht“, sagt er.

Dieses Ranking, erklärt er mir, ergibt sich aus der Anzahl der Stammgäste, die ein Host akquiriert und dem, was diese Frauen konsumieren. Wenn eine Frau immer wiederkommt, ihn verlangt und dann auch noch teuer Champagner bestellt, steigt er in der Rangfolge. Er wird auf Postern und auf der Homepage prominent angezeigt. Er bekommt auch mehr Kohle. Nach einer einmonatigen Ausbildung erhalten die Animateure ein Fixgehalt um die tausend Euro. Wer erfolgreich ist – also dafür sorgt, dass Frauen wiederkommen und ordentlich bechern – kann bis zu 50 0000 Euro pro Monat machen. Shun erklärt mir auch, dass Frauen den einmal gewählten Host nicht mehr wechseln können. Sich einen Mann aus dem Katalog zu wählen, ist also viel schwerwiegender als ein Tinder-Wisch. Seltsam, bei käuflicher Liebe auf Treue zu setzen, denke ich.

Am Nebentisch liegt eine Zierliche mit blaugefärbten Haarspitzen und Hotpants einem Typ in Hemd mit getupfter Fliege und rot gefärbten Haaren in den Armen. „Ich wollte dich so gerne wiedersehen“, sagt sie. „Ich hab dich echt vermisst“, sagt er. In einer anderen Ecke sitzt eine ältere Frau im Kostüm mit strengem Gesichtsausdruck. Als der Mann mit Blutgruppe B ihr Bier nachschenkt, weicht die Anspannung einem Lächeln. „Danke“, sagt sie „du weiß immer, was ich gerade brauche.“

Es heißt, Japaner hätten das Interesse an Liebe verloren. Laut einer Studie der Eheberatungsfirma O-Net vom Januar sind 74,3 Prozent der Japaner in ihren Zwanzigern Singles, 1996 waren es 50 Prozent. 2015 besagte eine andere Studie, dass vierzig Prozent der jungen Singles auch nicht auf der Suche nach einer Beziehung seien. „Romantik ist mühsam“ oder „Meine Hobbys sind wichtiger“ waren die Begründungen. Wenn das so ist, sind die Clubs, in denen man für Unterhaltung zahlt, dann die logische Folge? Statt sich mit echten Dates rumzuärgern, Geld für Bestätigung auf den Tisch legen und gut unterhalten sein? Oder zeigt der offenbar große Bedarf nicht eigentlich das Gegenteil? Dass wir doch alle nach der Liebe suchen, auch wenn wir sie nicht immer finden? Und dass manche sogar bereit sind, für ein bisschen Zuspruch zu zahlen?

Shun versucht immer noch herauszufinden, wer eigentlich mein Typ Mann ist. Wir einigen uns auf so was wie: Schöne Haare, witzig, groß. Weil ich es immer noch nicht geschafft habe, einen Mann zu buchen, bleibe ich bei Shun hängen. Der steht gerade von seinem Platz auf und stellt sich aufrecht vor mich. „Siehst Du, ich bin recht groß“, sagt er, fährt sich betont langsam durchs Haar, blickt mir in die Augen. „Und ich finde dich sehr süß.“ Ich wende den Blick ab. Sein Kompliment macht mich verlegen. Gleichzeitig kommt er mir vor wie diese Aufreißertypen, die in der Bar jeder Frau den gleichen Spruch pressen. Es verliert seinen Wert, weil man nur eine von vielen ist. Shun, jetzt mal ehrlich, was wollen die Frauen von Dir? Er erklärt mir, dass die meisten jede Menge Druck im Büro oder im Studium haben. In der konservativen japanischen Gesellschaft müssen sie höflich sein und ihr wahres Gefühl verbergen. Mit ihm können sie offen über ihre Probleme reden. Sie selbst sein. Während Shun eine Show abzieht und eine künstliche Welt im verspiegelten Keller kreiert. Es klingt ein bisschen, als seien die Hosts die Therapeuten der Megastadt, nur dass sie Komplimente austeilen, statt Antidepressiva.

Süchtig machen auch die. Shun versucht, eine Beziehung zu den Frauen aufzubauen. Um sie warmzuhalten, schreibt er ihnen SMS. Zum Beispiel, dass er sie vermisst, dass sie beim letzten Besuch wunderschön aussahen oder wann sie wieder kommen. Er ruft sie an, trifft sie auch außerhalb seiner Geschäftszeiten. Nur so hält er Stammgäste, die gleichsam sein Ego und Gehalt pushen. Die Frauen sollen sich in ihn verlieben, emotional abhängig werden von seiner Zuneigung. Auch er hat sich schon mal verliebt, sagt er, in eine Kundin. Als er ihr sein wahres Gesicht gezeigt hat, ihr gesagt hat, was er so denkt und fühlt und erlebt, habe sie das Interesse verloren. „Aber ich mag es, bekannt in der Szene zu sein und dass meine Poster in der Stadt hängen.“ Ich frage mich, ob ich hier an der Spitze der Dienstleistungsgesellschaft angekommen bin. Komplimente auf Bestellung, weil alles andere mühsam ist, aber das Bedürfnis nach Zuspruch bleibt. Erwartet uns das auch, wenn wir munter immer weiter wischen, statt Menschen wirklich zu begegnen?

Ich will jetzt erstmal kurz alleine sein. Also Händewaschen gehen. Shun folgt mir bis zur Toilettentür. Ich soll mich dabei wohl fühlen wie eine Prinzessin, bei mir verursacht das Ganze Beklemmungen. Als ich die Tür wieder öffne, reicht er mir ein feuchtes Handtuch, wie man sie im Flugzeug vor dem Essen bekommt und begleitet mich zurück zum Tisch. Dann geht unvermittelt ein Spektakel los.

Licht aus, Musik an. Zwanzig Gigolos laufen los, Mikrophone in den Händen. Champagner-Call. Das heißt, eine der Frauen hat Champagner bestellt. Das heißt auch, dass allen anderen Frauen die Begleiter abhandenkommen. Denn sie versammeln sich nun um die Eine. Die Business Lady in der Ecke. Die Hosts umringen sie, bauen eine Gläserpyramide, leeren Falsche um Flasche, singen und rufen in ihre Mikrophone, offenbar eine festgelegte Choreographie. Je nach ausgewähltem Champagner kostet das ein paar hundert oder zehntausend Euro. Shun erzählt später, dass es manchmal richtige Wettstreite gibt, bei denen eine Frau nach der anderen bestellt, um im Mittelpunkt zu stehen. Die Gigolos trinken immer mit, oft auf Ex. Um die ganze Nacht durchzuhalten, übergeben sie sich zwischendrin.

Während die anderen Champagner exen, nippe ich an meinem Oolongtee. Beim ersten Besuch zahle ich lediglich 25 Euro für zwei Stunden, Getränke – Champagner ausgenommen – sind inklusive. Würde ich wiederkommen, wären es zwischen 75 und 180 Euro und überteuerte Drinks noch obendrauf. Viele Frauen gehen nach Ladenschluss mit den Hosts essen oder Karaoke singen, verschenken Louis Vuitton Taschen oder Schmuck. Dafür bekommen sie nette SMS. Als ich den Laden verlasse, begleiten mich einige Hosts auf die Straße, verbeugen sich. Rufen: „Komm gut nach Hause!“ und „Komm bald wieder!“

Ich atme tief aus, seltsam froh, wieder alleine zu sein. Ja, denke ich, die Japaner haben schon Recht, Romanik ist mühsam. Ich lasse mich durch die Gassen des Viertels treiben und lande in einer dieser winzigen Bars. Ein Tresen, fünf Plätze. Quatsche ein paar Stunden mit dem Barkeeper. Über den Terror in Europa und unsere Kindheit; und über die Gigolos. Er meint, dass sie eine falsche Welt verkaufen, wie Disney Land. Alles Plastik. Ich frage ihn, ob er mit seinen nach hinten gegelten Haaren, dem Jazzsound und der smoothen Cocktailmischerei nicht das gleiche macht. „Ja“, sagt er, „aber die Hosts haben keine Barriere. Mein Tresen ist meine Grenze, die überschreite ich nicht.“ Wir lächeln uns an. Schade eigentlich.

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