Unter Aufsicht

von lschnabl

Weil sie für ihre Tochter Mareike die bestmögliche Betreuung wollen, geben ihre Eltern sie in eine kirchliche Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Was ihrem Kind dort angetan wird, erfahren sie erst Jahre später. Von Friederike Mayer und Lena Schnabl (Zeit Magazin, Mai 2023)

Mareike ist eine kräftige junge Frau mit kurzen Haaren und grauen, eng stehenden Augen. Am Ende eines langen Wochenendes sitzt sie auf dem Sofa ihrer Eltern in einem ruhigen Vorort von Detmold. Mareike hat ihre Jacke an.

„Ich will nach Hause“, sagt die 34-Jährige und meint damit das Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung, in dem sie lebt.

Ihre Mutter mustert sie. „Du siehst müde aus.“

„Ja, bin ich auch“, antwortet Mareike und fängt an zu weinen. „Ich will nach Hause!“

Mareike hat eine leichte Intelligenzminderung und ist verhaltensauffällig. Sie kann in einem Moment lebenslustig sein, wild tanzen und laut singen, und im nächsten sehr traurig oder wütend sein. Bevor sie losfahren, putzt ihr die Mutter noch die Zähne. Mareike nimmt nichts mit, sie hat alles, was sie braucht, an beiden Orten, im Wohnheim und im Elternhaus. „Ich habe zwei Zuhause“, sagte sie im Gespräch einmal lächelnd. Jetzt aber stößt sie grob das Gartentor auf, läuft zum Auto vor und setzt sich ungeduldig auf den Beifahrersitz. Der Vater verriegelt die Türen, bevor er losfährt. Die Mutter sitzt auf der Rückbank und hält Mareikes Tablettenbox in der Hand.

Die Fahrt dauert nur drei Minuten. Das Wohnheim ist ein einstöckiger, lang gezogener Bau, viele Fenster sind erleuchtet. Mareike und ihre Mutter gehen durch das unverschlossene Gittertor. „Weißt du, wo du klingeln musst?“, fragt die Mutter.

„Mareike, nicht so laut“, sagt die Mutter. Kaum öffnet eine Betreuerin die Tür, drängt Mareike grußlos hinein und verschwindet im Haus, ohne sich von ihrer Mutter zu verabschieden.

Etwa 200.000 Menschen mit Behinderung leben in Deutschland in stationären Einrichtungen, gut zwei Drittel von ihnen haben eine geistige Behinderung. Wie es diesen Menschen geht, davon dringt nur selten etwas in die Öffentlichkeit. Denn wenige Menschen mit Behinderung kennen ihre Rechte oder sind in einer Position, diese durchzusetzen, falls sie nicht beachtet werden. Und auch wenige Angehörige sprechen öffentlich über ihre Erfahrungen. Oft aus Angst, den Betreuungsplatz zu verlieren. 

Mareike lebt seit 16 Jahren fast durchgehend in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, also seit ihrem 18. Lebensjahr. Ihre Geschichte handelt vom Alltag der Menschen dort. Von dem Schattendasein, das viele von ihnen führen, isoliert, sediert und entmündigt.

Weil sie ihre Geschichte nicht selbst erzählen kann, sind es Mareikes Eltern, die am Küchentisch in ihrem Einfamilienhaus für sie sprechen. Zum einen ihre Mutter, Ulrike Loll-Rubart, 61, kleine Statur, helle Augen, Kurzhaarschnitt. Mit ruhiger Stimme sagt sie: „Entschuldigung, ich rege mich gerade wieder so auf.“ Immer wieder laufen ihr beim Erzählen Tränen über die Wangen. Sie spricht einfach weiter, wischt sie mit dem Handrücken weg. Zum anderen ist da Mareikes Vater, Jens Rubart, 62. Er ist im Gespräch zurückhaltender, ergänzt die Erzählungen seiner Frau oft mit den genauen Daten des Geschehens.

weiterlesen…ir Reporterinnen haben die Familie mehrmals besucht, zuerst im Sommer 2021 und erneut vergangenen Winter, wir haben mit Experten gesprochen, Studien ausgewertet und die Behinderten-Einrichtung mit den Recherche-Ergebnissen konfrontiert. Mareikes Geschichte liegt teils Jahre zurück, vieles beruht auf Erinnerungen der Eltern und lässt sich nicht zweifelsfrei überprüfen. Doch es gibt Dokumente wie Mareikes Patientenakte oder Berichte aus psychiatrischen Tageskliniken, die uns vorliegen und die Aussagen der Eltern stützen.

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