Glitzer-Giganten

von lschnabl

Wrestling, das ist Show, Sport, Schmerz. Schrill kostümierte Männer – und Frauen – verdreschen einander für Geld, Ruhm und fürs eigene Ego. In einer Neuköllner Schulturnhalle arbeiten sie hart, um gesehen zu werden. Von Lena Schnabl (Tagesspiegel, Mehr Berlin, 24. Januar 2015)

Hussein träumt nicht mehr von Amerika. Nicht mehr von einer Karriere in der ganz großen Liga dort, der WWE, World Wrestling Entertainment, Umsatz: 604 Millionen US-Dollar. Hussein sitzt an einem Dienstagabend in einer Neuköllner Schulturnhalle und deutet auf eine Ansammlung von Leuten in Sportkleidung. Seine Schüler. Dicke, Dürre, Kleine, Große, Frauen, Jungs. Wrestler, Schaukämpfer, moderne Gladiatoren. Und solche, die davon träumen, es zu werden. Müsste eine Riesensumme sein, dass er das hier aufgeben würde, sagt Hussein, der braun gebrannte Muskelmann, mit rauchiger Stimme. Er will Wrestling in Deutschland wieder groß machen.

LEKTION 1: EIN WRESTLER MUSS FIT SEIN

„Die Muskeln sind nicht da, um schön zu sein. Sie schützen die Knochen.“ (Hussein)

Hussein, Kampfname: Crazy Sexy Mike, Verletzungen: hundertfach ausgekugelte Schulter, dreifach gebrochener Unterarm, guckt in die Ferne. Vor ihm stehen 30 Schüler vornübergebeugt, bohren die Köpfe in die blauen Matten, die Arme sind frei, der Nacken hält das Gewicht. Überhaupt, der Nacken! Der Nacken muss gut aufgewärmt werden. Denn wer sich den Nacken bei einem Sturz verletzt, landet vielleicht im Rollstuhl.

Wrestling, dieser Muskelzirkus, bei dem sich Männer und, seltener, Frauen in engen Glitzer-Outfits durch die Luft schleudern und sich gegenseitig Klappstühle über den Kopf ziehen, kam in den 80er Jahren aus den USA nach Deutschland, in den 90ern lief die Show „Wrestle Mania“ nachts auf RTL2. Hulk Hogan wurde mit Solarium-Teint und wasserstoffblondem Schnauzbart zum Aushängeschild der Branche. Merchandising-Artikel wurden produziert, kleine Jungs spielten mit Hulk-Figuren.

Hussein kam 1993 zum Wrestling, da ging der Boom in Deutschland gerade zu Ende. Hulk Hogan verließ die WWF, die Vorgängerserie der WWE, die Actionfiguren verstaubten in den Kellern der Elternhäuser. Hussein und sein Bruder Achmed wollten trotzdem Showkämpfer werden. Sie legten Matratzen aus im Kinderzimmer in Kreuzberg, warfen sich gegenseitig drauf, prügelten sich, ahmten ihre Idole nach. Hulk Hogan, klar. Aber auch Bud Spencer und Terence Hill, das Traumpaar der Siebziger-Actionkomödie. „Jungs halt. Haben uns viel verletzt.“

Die Brüder haben keine Wrestling-Körper, sind zu klein, keine Zweimetermänner. Aber der Wille war früh da – „es steckt uns einfach im Blut“. 1995 traten Hussein und Achmed, damals 18 und 16 Jahre alt, in ihrem ersten Ringkampf gegeneinander an. Berlin, hundertfünfzig Zuschauer. „Die sind voll abgegangen!“ Die Brüder wurden wieder gebucht. Hussein, der eine Kindergärtnerausbildung abgebrochen hat, jobbte als Maler, Gärtner, in Restaurants, in einer Autowerkstatt. Fuhr zu Shows, schlief nach dem Auftritt im Kostüm im Auto und fuhr morgens zur nächsten Show. Kämpfte mit gebrochenem Arm, der nicht aufhören wollte zu eitern. Als er sich die linke Schulter irgendwann nicht nur während der Kämpfe auskugelte, sondern auch im Schlaf, bekam er eine Eisenplatte hinein. Aber er bekam auch Respekt, konnte reisen: ganz Europa, Türkei, Libanon, Ägypten, La Réunion. 1995 gründeten die Brüder dann ihre erste Wrestling-Schule in einem kleinen Atelier in Kreuzberg.

Mittlerweile haben Hussein und sein Bruder etwa 30 Schüler, unter ihnen drei Frauen. Seit 1996 kämpfen die in ihrer eigenen Liga, der German Wrestling Federation (GWF). Jeden Monat veranstaltet die GWF eine Show im Zirkuszelt am Ostbahnhof, zu der immer über dreihundert Leute kommen. Es gibt mehrere solcher Ligen in Deutschland, in Hannover, Oberhausen, Marburg, die jeweils eine oft protzig unübersichtliche Vielzahl eigener Titel mit klingenden Namen vergeben. Aus dem, was in anderen Sportarten Vereinsmeisterschaft heißt, wird so – auch das gehört zur Show – eine bei der GWF einmal im Jahr stattfindende „Champions Night“.

Das ist natürlich alles nichts, wenn man in die Staaten guckt. Auch heute noch steht die US-Liga WWE an der Spitze des Sports. Wer dort unterkommt, kann berühmt und reich werden, in den USA ist Wrestling unverändert populär. „Über Geld spricht man nicht“, sagt Hussein. Aber Millionär sei schon drin. In Deutschland können nur wenige Wrestler vom Kämpfen leben, 30 sind es vielleicht, Hussein ist einer von ihnen. „In den nächsten Jahren werden es mehr werden“, sagt er. Wrestling sei wieder im Kommen. „Sieht man ja an Wiese. Alle machen sie mit.“ Tim Wiese, ehemaliger Fußball-Nationaltorwart, gab kürzlich bekannt, er sei mit der WWE im Gespräch über eine zweite Karriere als Wrestler. Was ihm Spott einbrachte, aber auch Aufmerksamkeit. Und die ist viel wert in diesem Kampftheater.

Husseins Schüler haben sich wieder aufgerichtet. Jetzt warmlaufen, im Kreis auf dem Holzparkett, die Backsteinwände entlang. Vorwärts. Seitlich. Rückwärts. Sprint. Die Athleten müssen vorbereitet sein. In einem Monat ist die Champions Night, wie jedes Jahr im Dezember.

Pascal, Kampfname: Pascal Spalter, muss dann seinen Titel als Berlin-Champion verteidigen. Außerdem will er Mittelgewichtschampion der Liga werden. Pascal ist 24 Jahre alt, 130 Kilo auf 1,90 Meter, im Leben außerhalb des Rings studiert er Marketingkommunikation. Seit acht Jahren wrestelt er, er ist der Superstar der Schule. Seine Verletzungen: gebrochene Rippen, angebrochenes Schlüsselbein, Schleudertrauma im Nacken. Als Fortgeschrittener hilft er Hussein beim Training. Pascal lässt eine Gruppe Schüler Judorollen machen und aufspringen. Hin und her, runter und wieder hoch, bis die Schüler nicht mehr aussehen, als könnten sie noch geradeaus laufen.

Am Hallenrand läuft Erkan im Kreis. Seinen Kopf sieht man von Weitem, er überragt mit seinen zwei Metern die anderen. Erkan ist 25, wohnt bei seinen Eltern in Reinickendorf, arbeitet als Maler und Lackierer. Kampfname: Cash Money Erkan. Zusammen mit seinem Kollegen Murat AK hält er den Titel Tag Team Champion, also im Kampf zwei gegen zwei. Verletzungen in sechseinhalb Jahren Wrestling: drei Gehirnerschütterungen, verstauchte Hand, angebrochene Nase.

In einer anderen Ecke liegt Claudia auf einer Matte. Wenn der Trainer ruft, springt sie auf, die Knie gebeugt, die Fäuste kampfbereit Richtung imaginärem Gegner. Weiche Figur, das Gesicht hart, wenn sie die Fäuste ballt. Claudia ist 28 Jahre alt, ausgebildete Friseurin und zweifache Mutter. Sie wrestelt seit sechs Jahren, wenn man zwei Jahre Babypause abzieht. Ihr Kampfname: Brenda Star. Verletzungen: verstauchter Fuß, gezerrtes Kreuz. In einem Monat hat sie ihren ersten Titelkampf. Sie will Ladys Champion werden.

Die Luft steht jetzt feucht und dick in der Halle. „Aufstellen!“ Die Schüler bilden eine Reihe, atmen schwer. „Alles klar bei dir?“, fragt Hussein eine Schülerin. „Bist grün im Gesicht.“ Später sagt er, die Leute seien weicher geworden. Wollen viel, tun wenig. Zu faul, den Lottoschein auszufüllen. „Ich musste früher um alles kämpfen.“

Heute, sagt Hussein, 38, sei er nur noch ein alter Mann. Doch auch er wird bei der großen Jahresabschluss-Show antreten. Noch ein Mal Europäischer Mittelgewichtschampion werden.

LEKTION 2: EIN WRESTLER BRAUCHT HERZ

„Wrestling ist meine Liebe. Das kann ich nicht mehr loslassen.“ (Erkan)

Vier Tage bis zur großen Show. Wieder Dienstag, wieder Training. Keiner da. Winteranfang, sagt Hussein. Dennis, feingliedriger Bub mit Brille und Karoschal, trainiert nicht mit. Nackenverletzung. Wenn es klingelt, läuft Dennis los, öffnet die Tür. Den Weg in die Turnhalle zu finden, die Klingel in der dunklen Feuerwehrausfahrt, ist die erste Hürde, wenn man dazugehören will. Vor der Schule auf der Sonnenallee picken Tauben in Dönerresten. Erkan und Pascal warten dort darauf, dass Dennis sie reinlässt. Dann durchqueren sie den düsteren Schulhof. In der Umkleide zieht Erkan sein Trainingsshirt an: I love Wrestling. Dann los. Warmlaufen. Wieder schellt die Klingel. „Dennis!“ Dennis springt. „Was machen wir eigentlich, wenn Dennis wieder mittrainieren kann?“ „Ruhe! Dennis wird der fitteste von euch allen“, sagt Hussein. Am Anfang habe der Junge immer gedacht, er müsse sich beweisen. Ständig auf Konfrontation. Schwierige Kindheit. Die Wrestling-Familie gleicht ihn aus, sagt Hussein. „Siehst ja, wie ruhig und lieb er ist.“

Nach und nach trudeln die anderen ein. Zur Begrüßung reicht der, der die Halle betritt, allen anderen die Hand. Eine der Regeln hier: Jeder im Raum gehört dazu, wird respektvoll behandelt.

Die Mädels sind heute nicht da, sondern bei einem Dreh. „Irgendeine Gameshow“, sagt Hussein. „Zusammen mit Cindy aus Marzahn und solchen Superstars“, sagt Erkan. Die derzeitige Ladys Champion, Blue Nikita aus Berlin, ringt auf Sat1 mit einer zierlichen Blondine. Auch Erkan ist schon in der Pro7-Show „Circus Halligalli“ aufgetreten, hat einen Auto-Werbespot gemacht. Und Pascal wurde für „Berlin – Tag & Nacht“ gecastet. Man könnte sagen: Husseins Schule hat Wrestling wieder ins deutsche Fernsehen gebracht.

Trainingsbeginn. Die Jungs sollen sich ihrer Fitness nach aufstellen. Die meisten drängen in die Mitte. Erkan stellt sich auf Platz zwei. Pascal auf den drittletzten Platz. Jetzt sollen sie beweisen, wie fit sie wirklich sind. Machen Liegestütze, Sit-ups, Kniebeugen. Einen Durchgang nach dem anderen, bis sie kaum noch aufstehen können. „Jetzt trainiert ihr erst wirklich!“, sagt Hussein. Am Ende sollen sie sich wieder in der Reihe aufstellen, diesmal danach, wie fit sie wirklich waren. Pascal bleibt auf dem drittletzten Platz. Erkan rutscht auf Platz drei, einer aus der Mitte geht zögernd ganz nach vorne. „Angst vor dem Erfolg oder was?“, fragt Hussein.

Während die anderen weitertrainieren, sitzt er, Tuch um den Kopf, im Feinrippunterhemd, mit Dennis auf der Bank. „Du musst Eiweiß essen für den Muskelaufbau“, sagt er. „Sind das diese Proteine?“ „Genau.“ „Wo ist das drin?“ „Fleisch zum Beispiel.“ Dennis blickt auf sein Handy. „Ich versteh dieses ganze Konkurrenzding gar nicht“, sagt er. „Konkurrenz wird es immer geben. Kann einen auch vorantreiben, weißt du.“ Hussein, der Trainer, der Lehrer, der Wrestling-Familienvater.

Nach dem Aufwärmen bilden die Schüler kleine Gruppen. Erkan und Pascal schieben einen Sprungbock vor eine dicke Matte. Erkan wird später von dem Bock auf Pascal draufspringen, Pascal wird Erkan gegen den Bock rammen, Hussein wird Tipps geben.

Aber erst mal kurz: reden.
Erkan: Ich hab gehört, Arnold Schwarzenegger hat nur Volumentraining gemacht.
Hussein: Du musst mehr machen! Cardio, Ausdauer, Fitness. Die meisten im Studio sind doch Pumper. Kein Zuwachs.
Erkan: Diskopumper! Ich mach das nie.
Pascal: Ich immer.
Hussein: Und vor dem Training richtig viel Kohlehydrate! Profi-Bodybuilder essen fünf bis sechs Mahlzeiten am Tag.

Neben ihnen knallt einer immer wieder dumpf mit dem Rücken auf die Matte. Hussein sagt, das Fallenlernen sei am härtesten. Drei, vier Monate kann es dauern, bis die Schüler richtig stürzen können. Sie müssen ausatmen, sonst ist die Lunge gesperrt und sie kriegen keine Luft mehr. Also am besten schreien und Kinn zur Brust. „Wenn sie den Anfang überstehen, zeigen sie, dass sie das Herz fürs Wrestling haben.“

Als Erkan vor sechseinhalb Jahren das erste Mal ins Training bei Hussein und Achmed ging und ein paar Mal auf die Matte geworfen wurde, musste er fast kotzen. Wie hart ist das denn? „Aber ich habe mich verliebt.“ Zu seiner Mutter sagt er, dass alles okay ist, wenn er mal mit Schmerzen vom Training nach Hause kommt. Auch damals bei der schweren Gehirnerschütterung, als er auf dem Hinterkopf gelandet war. Da versuchte er sogar, zur Arbeit zu gehen, Wände streichen auf der Baustelle, und merkte, dass es nicht ging, weil sich alles drehte und die Augen flackerten. Er rief seinen Vater an, der ihn zum Arzt fuhr. Aber mit der Zeit wurde es leichter. Der Körper härtete ab. Und der Respekt der Trainer wuchs.

LEKTION 3: EIN WRESTLER MUSS UNTERHALTEN

„Ihr müsst selbst wissen, wie weit ihr gehen wollt. Vergesst nicht: Wir sind Entertainer, keine Kampfsportler.“ (Achmed, Husseins Bruder)

Zwei Tage vor der großen Show. Nach dem Aufwärmen sitzen die Schüler auf den blauen Matten im Kreis. Aufgabe ist, so zu kämpfen wie ein anderer das tut. Peter „the Bouncer“ macht den Erkan: „Ey Kaiser, was ist los?“, ruft er. Wie man auf der Straße so redet. Peter-Erkan nimmt Kaiser, gespielt von Koray, dem „tasmanischen Teufel“, in den Würgegriff, macht auf Macker, stolziert über die Matte. Alle lachen, die Anspannung weicht aus den Gesichtern. Die Übung soll die Schüler locker machen, sie lehren, aus sich herauszugehen. Schließlich ist Wrestling immer auch Show.

Außerdem ist es gut, das eigene Auftreten gespiegelt zu kriegen, um an der eigenen Rolle zu feilen. „Ihr müsst leuchten wie eine Rakete“, sagt Hussein zu der Gruppe. „Im Grunde wollt ihr doch Superstars werden. Daran müsst ihr die ganze Zeit arbeiten!“ Das bedeutet auch, im Ring eine pinkfarbene Hose anzuziehen und keine schwarze. Auffällig sein, ein Markenzeichen entwickeln, im Gedächtnis bleiben. Am besten geht das, wenn ein Teil der Rolle echt ist – „sonst kommt das nicht authentisch rüber“.

Also spielen die Wrestler ihr eigenes Klischee, ein Zerrbild ihrer selbst. Das ist auch ein Ventil für alle, die keine Angst davor haben, ihre vermeintlichen Schwächen zur Schau zu stellen und zu verkaufen. Claudia spielt die Powerfrau, Pascal den dicken Brutalo, Erkan den Schläger. „Die Straße ist nicht aus Erkan rauszukriegen“, sagt Hussein. „Also nutzt man das im Ring.“ Erkan sagt, er sei ein Problemkind gewesen, früher. Auf nichts hören, machen, was man will. Die Eltern beide auf Arbeit. Und er draußen mit den anderen. Schlägern. „Hab Basketball probiert“, seine Mutter wollte das, weil er doch so groß ist. „Aber ich hatte das nicht drauf.“ Nachts guckte er Wrestling im Fernsehen. Er begann mit Taekwondo, aber übte im Freitraining Wrestling-Griffe. Schließlich fand er Husseins Schule. „Dank dem Wrestling hab ich mich gebessert“, sagt er, „hab hier Respekt und Disziplin gelernt.“ Er sagt, er weiß jetzt, wie er Situationen deeskalieren kann. Wann der eine Schritt mehr ein Schritt zu weit wäre.

Neue Runde, jetzt spielt Erkan Pascal, den Spalter. Schlägt mit der rechten Handkante auf die linke Handinnenfläche und ruft dazu: Spalten! Spalten! Die anderen stimmen ein. Erkan stampft über die Matte. Schreit: Was willst du? Haut seinen Gegner um, so dass der auf der Matte sitzt und setzt sich auf seine Schultern. Spalten! Spalten!, schallt es durch die Halle.

Pascal, der in Lederschuhen, Jeans und Sweatshirt auf der Bank sitzt, grinst, nimmt seine Taschentücher und kommt zu den anderen. Wer krank ist, geht trotzdem zum Training. Als Kind hat Pascal Wrestling-Videos von seinem Cousin gefunden. Er guckte sie rauf und runter: Helden! Action! Gut gegen Böse! Als er selbst anfing zu wrestlen, war er 16, wog 140 Kilo und hatte noch nie wirklich Sport gemacht. Mit 18 kam er zu Hussein, ein Jahr später stand er das erste Mal im Ring. Wie viele Kämpfe darauf folgten, weiß er nicht mehr, irgendwas im dreistelligen Bereich. Fast jedes Wochenende ist er auf Tour.

Wrestling, sagt Pascal, hat ihm Türen geöffnet. Zum Beispiel, als Hussein und sein Bruder ihn zum „Berlin – Tag & Nacht“-Casting schickten. Eigentlich ging es um einzelne Drehtage, Pascal bekam einen Jahresvertrag. Spielte den schüchternen Nils, Teddybär mit Verkleidungsspleen. Ursprünglich war die Rolle nur für kurze Zeit gedacht, sagt Pascal. Aber sie kam beim Publikum so gut an, dass der Vertrag immer weiter verlängert wurde. „Allein wäre ich nie so weit gekommen“, sagt er, auch beim Wrestling nicht. Er war sogar beim Casting für die US-Liga WWE. Hat nicht geklappt. Aber beim nächsten Versuch im Februar will er weiterkommen. Das Studium auf Eis legen. „Wrestling hat oberste Priorität.“

Auch Claudia träumte früher, vor den Kindern, von Amerika. Wie es anfing? Nachts nicht schlafen können als Teenager. Fernseher anmachen. Bret Hart kämpfen sehen, einen der ganz großen US-Wrestler damals, in pinkfarbenen Nylonhosen mit Herzen drauf. Fan werden. Wecker stellen, um ihn zu sehen. In der Schule immer müde sein – egal. Zu einer Autogrammstunde in Berlin gehen. Dort auf Hussein treffen.

Für Frauen war das Training damals umsonst. Claudia ging hin, blieb dabei. Nicht leicht, sich den Respekt der Jungs zu erarbeiten. Aber jeder, der wrestelt, hat Respekt verdient, sagen die, die wresteln. Weil sie wissen, wie schwer es ist. Hussein sagt, wenn jemand den Frauen einen doofen Spruch drückt, wäre der draußen. Es sei schwierig, mit Frauen zu kämpfen, weil man sie an manchen Stellen nicht berühren darf. Jemand, der so eine Situation ausnutzen würde, wäre draußen, sagt Hussein. Sofort.

Als Claudia schwanger wurde, wollte sie trotzdem weitermachen, die anderen mussten sie zügeln. Mach mal ruhig jetzt. Wer aufhört, als Friseurin zu arbeiten, weil die Chemikalien dem Ungeborenen schaden könnten, springt auch nicht auf anderer Leute Brustkörbe. Wenn sie heute zum Training geht, zwei Mal die Woche ist Pflicht, ein weiteres Mal freiwillig, nehmen ihre Eltern in Hellersdorf die zwei Mädchen, drei und fünf Jahre. Und auch, wenn sie, wie im letzten Jahr, an den Wochenenden Shows gemacht hat, in Frankreich und ganz Deutschland. Amerika kann Claudia sich nicht mehr vorstellen – die Kinder hier zurücklassen? Nein! Also das Ziel anpassen: europaweit bekannt und gebucht werden.

In zwei Tagen kämpft sie um den Titel Ladys Champion. „Ich glaube nicht, dass sie es schafft“, sagt Hussein. „Aber ich hab Leute gesehen, die hatte man abgeschrieben – und die haben noch gewonnen.“ Und mit den Frauen sei das so eine Sache. Wenn die Konkurrenz klein ist, kommt man schnell nach oben. Aber es ist auch schwieriger, besser zu werden.

Gerade zieht Claudia der italienischstämmigen Vanessa „La Bestia“ an den Haaren. Die stampft ihr auf die Füße, bis Claudia loslässt und zusammensackt. Schnell rammt Vanessa ihr den Ellenbogen in den Rücken, Claudia schreit auf und geht zu Boden. Vanessa ist sofort über ihr, würgt sie, Claudia reißt den Kopf nach oben. Als Vanessa sie loslässt, rappelt sie sich auf. Pause. Vanessa hält sich den Rücken, Claudia umarmt sie. „Alles okay? Ich bring dir Wasser!“ Die Wrestler bewegen sich in einem Mix aus Schmerz und Show, die Grenzen verschwimmen. Es geht nicht darum, den Gegner maximal zu verletzen, sondern das Publikum maximal zu unterhalten. Weh tut es trotzdem.

Claudia sagt, die Wrestler lassen raus, was sie in der Uni, beim Malern und im Büro zurückhalten. Zu Hause ist sie die liebevolle Mama, die mit ihren Kindern bastelt. Hier ist sie Brenda Star, die ihre Gegner packt, sie in die Ecke des Rings schleudert und auf ihren Kopf eindrischt. Befreiungsschläge, einer nach dem anderen.

LEKTION 4: EIN WRESTLER MUSS EINSTECKEN

„Ich habe früher mit Stacheldraht gekämpft, mit aufgeplatzten Narben, mit Loch im Kopf. Die Leute dachten, ich überlebe alles.“ (Ali, Husseins Co-Trainer)

Fünf Stunden vor der großen Show schleppen die Wrestler Eisenstangen, Strohmatten und Klappstühle – „geil, Stuhlkampf!“ – ins Zirkuszelt. In der Manege hält Claudia einen der vier Seitenpfosten, die später den Ring tragen, Erkan schraubt die Verstrebung daran fest, Pascal stellt die große Sprungfeder in die Mitte des Rings, der Boden soll nachgeben können. Sicherheitsmaßnahme. Die nächste Schicht: Matten, darauf eine schwarze Plane. Alle Schüler bauen mit auf, egal ob sie später auftreten oder nicht. Von Nervosität ist bisher nichts zu spüren, die Arbeit lenkt ab.

Acht Titelkämpfe. Es gewinnt, wer die Schultern des Gegners für drei Sekunden auf dem Ringboden hält. Abgesprochen ist hier nix. Sagt Hussein. Ein Kämpfer, der sich länger als zehn Sekunden außerhalb des Rings aufhält, wird vom Ringrichter ausgezählt. Jeder Kampf kann bis zu zwanzig Minuten dauern. Wenn dann keine Entscheidung gefallen ist, entscheidet die vierköpfige Jury, in der auch Husseins Bruder Achmed sitzt.

Zwei Stunden vor der Show. Die ersten Zuschauer warten vor dem gelben Zirkuszelt am Ostbahnhof, wo normalerweise Varieté und Kinderzirkus stattfinden. Ein Mann in Heavy-Metal-Shirt hält ein kleines Mädchen in Hello-Kitty-Shirt an der Hand. Eine Blondine mit dicken Kajalstrichen um die Augen erzählt ihren Freundinnen von ihrem Job als Kindergärtnerin. Zwei Jungs mit Wrestler-Masken vorm Gesicht zeigen sich Videos auf dem Handy.

Dreißig Minuten vor der Show, Einlass. Die harten Holzbänke um die Manege füllen sich. Ein schlanker Mann mit beigefarbener Stoffhose setzt sich in die erste Reihe auf ein gestreiftes Sitzkissen. Erkans Vater. Er ist bei jedem seiner Auftritte hier dabei. Ein Halbstarker zieht seine Freundin auf die Seite links vom Ring: „Komm, lass da rübergehen. Da sitzen die Hardcore-Fans!“

Die Show beginnt. Gleich der erste Kampf muss einheizen. Ivan Kiev vs. Rob Cage. „Ivan, du kleine Schlange, keiner kann so oft und so lange!“, brüllt das kleine Mädchen im Hello-Kitty-Shirt. „Nee, nee, es heißt: Ivan, du GEILE Schlange!“, verbessert es der Papa. Die Schlange gewinnt dann auch. Das Publikum freut sich. Geil! Der Moderator sagt den nächsten Kampf an: „Frisch aus der Bonhoeffer-Nervenklinik – hier ist Breeendaaa Staaar!“ Dann wird es wieder dunkel.

Und Claudia wird Brenda Star: Im lila Nylonröckchen, auf das goldene Sterne gestickt sind, öffnet sie den Vorhang hinter dem Ring und dreht eine Runde. Wendet sich den Zuschauern zu, ballt die Fäuste in Bodybuildingpose. Präsentiert sich dem buhenden Publikum, das „Zieh dir was an!“ ruft. Dann klettert sie in den Ring. „Sexy ist anders!“, grölt es aus der Meute. Brendas Gegnerin Blue Nikita, zierlich, Flechtzopf, bauchfreies blaues Outfit, wird bejubelt.

Hussein sagt, die Jungs können anziehen, was sie wollen, aber die Frauen müssen selbst wissen, worin sie sich wohlfühlen. „Aber ich sag denen: Zieht euch nicht so halb nackt aus. Weil ich will, dass sie als Wrestler gesehen werden und nicht reduziert werden auf den einen Punkt.“ Ach, sagt Claudia, man wird selbstbewusster, viele Sprüche des Publikums gehen einem jetzt sonst wo vorbei. Auf den Kampf konzentrieren und sonst nichts. Immer weghören kann man aber nicht.

Mittlerweile skandieren die Zuschauer: „Cellulite, Cellulite.“ Claudia schnappt sich Nikitas Kopf, während die sich noch bejubeln lässt, und schleudert ihn nach rechts und links. Claudia lässt sich breitbeinig auf Nikita plumpsen, während die am Boden liegt. Claudia stellt Nikita in die Ringecke und knallt drauf. „Powermoves“ nennt Claudia das, mit der eigenen Körpermasse arbeiten. Anders als im Fernsehen sieht man live, dass nicht jeder Schlag trifft. Wenn Claudia mit dem Ellenbogen auf Nikitas Kopf schlägt, bremst sie kurz vorher ab. Nach der Aktion streicht sie Nikitas zerzauste Haare glatt. Jetzt klettert sie auf die Seile, hebt die Arme. Nikita rappelt sich auf, steckt ihr den Kopf zwischen die Beine, „Lecken! Lecken!“, grölt das Publikum. Nikita knallt Claudia auf den Boden. Rumms. Der Ringrichter zählt bis drei. Und Ende. Claudia kriecht von der Bühne, Nikita reißt die Arme hoch, lässt sich feiern.

Nächster Kampf. Erkan ist jetzt Cash Money Erkan: goldene Jogginghose, freier Oberkörper. Er stößt den Vorhang zurück und dreht eine Runde an den Zuschauern vorbei. Der Block mit den Hardcore-Fans dreht ihm den Rücken zu und zeigt den Mittelfinger. Passend zu seinem Image begleiten ihn zwei Macker, die ins Mikrofon rappen: „Böse und hart, böse und hart. Cash Money, Cash Money, Cash Money Mafia.“ Erkans Papa klatscht.

Es ist ein Teamkampf, zwei gegen zwei. Die Cash Money Mafia, also Erkan und sein Kollege Murat AK, gegen die Young Lions, zwei athletische Typen, die zum „König der Löwen“-Titelsong einlaufen. Dann tritt Erkan, der Titelverteidiger, einem der Gegner mit dem Knie in den Rücken, pöbelt rum, wirft Geldscheine auf ihn, steckt ihm einen in den Mund. Das Publikum ruft: „Er kann nix!“ Und „Einmal Döner komplett!“ Zusammen mit Murat AK packt Erkan einen der Lions und lässt ihn in den Ring knallen.

Das Schönste, wird Erkan später sagen, ist, wenn du reinkommst und alle gucken nur auf dich. Geiles Gefühl, auch nach 120 Auftritten. Egal, ob sie dann buhen oder jubeln. Hauptsache, sie nehmen einen ernst. Wer keine Reaktion kriegt, hat was falsch gemacht.

Erkan springt aus dem Ring ins Publikum. Die Leute hüpfen zur Seite, bilden einen Kreis um die Wrestler. „Auf die Fresse!“ Alle vier Kämpfer hauen sich jetzt außerhalb des Rings, keiner schafft es, den Gegner mit den Schultern lange genug am Boden zu halten. Der Ringrichter zählt die Kämpfer aus. Schluss. Unentschieden. Erkan und Murat behalten den Titel.

Pause, draußen vor dem Zelt. „Jeder von den Idioten hat es verdient, auf die Fresse zu kriegen“, sagt eine junge Frau, die hier nicht hinpassen will, kurze Haare, Röhrenjeans. Mit manchen Zuschauern ist es wohl, wie Pascal sagt: Wer sich wochentags zusammenreißt und seinen Chef nicht anmotzt, schreit eben die Wrestler an. Auch wenn der Besuch der Show doch eigentlich „absolut ironisch“ gemeint war. Tja. Neben der Kurzhaarigem steht eine gelackte Blonde, die wirklich Wrestling-Fan ist. „Von den alten Meistern“, sagt sie mit Ami-Akzent, „nicht von denen hier.“ Andererseits sei das alles so übertrieben, dass man einfach lachen und schreien muss. Es ist, als sei Wrestling ein Stammtisch, bei dem man endlich mal alles sagen kann. Wirklich alles.

Dann ist die Pause zu Ende. Und Hussein wird zu Crazy Sexy Mike: Schwarzes Piratentuch auf dem Kopf, schwarzes Shirt, blaue Hose mit aufgedrucktem Stacheldraht. Als sein Lied „Seven Nation Army“ von den White Stripes eingespielt wird, harter Takt, treibende Bässe, drehen die Fans durch. Sie singen die Melodie mit. Hussein, charmanter Kriegerdompteur, schnappt sich ein Mikro: „Ihr macht das noch viel geiler als im Original! Deshalb liebe ich Berlin!“

Früher wurde Hussein ausgebuht, „Döner Mike“ genannt. Weil er in einer Reportage im Fernsehen mal in seinem Lieblingsimbiss interviewt wurde. Er ließ „Döner Mike“-Shirts drucken. „Die Leute haben das gekauft, um mich zu ärgern. Und mir damit schön die Taschen gefüllt.“ Das Publikum spielt mit den Wrestlern – und die Wrestler spielen zurück.

Husseins österreichischen Gegner nennt das Publikum nun „Wienerwürstchen“. Hussein federt in den Seilen, springt ab und tritt das Würstchen zu Boden. Der lange Blonde schnappt Hussein, hält ihn auf den Armen, als wolle er ihn über eine Schwelle tragen und lässt ihn dann mit dem Rücken auf sein Knie fallen. Aua. Dann Gerangel: Hussein liegt am Boden, der Österreicher packt ihn an den Schultern. Hussein dreht sich auf seinen Gegner – drei Sekunden später ist er Europäischer Mittelgewichtschampion. „Hatte mehr erwartet“, sagt er später, „aber der war irgendwie sofort erschöpft.“

Das Adrenalin, das eigene Hochgefühl, ist das, was viele Wrestler antreibt. Man spürt im Kampf keine Schmerzen, erzählen sie. Nicht beim Fallen und nicht, wenn man getreten wird. Ohne Publikum ginge das nicht. „Je ruhiger die Zuschauer, desto mehr tut alles weh, desto schneller ist man k. o., desto weniger Leistung bringt man“, sagt Hussein. Ihn selbst pusht das alles allerdings kaum noch. „Bei mir tut alles weh. Kein Adrenalin mehr da.“ 22 Jahre im Ring hinterlassen Spuren.

Ein Kampf noch. Der Hauptact des Abends. Pascal Spalter gegen Caribbean Killer Rambo, den Titelverteidiger im Mittelgewicht. „Spalten! Spalten!“, schreien die Zuschauer, als Pascal im Ringeranzug die Manege betritt. Rambo packt Pascal am Kopf, schleudert ihn zu Boden. Pascal klettert aus dem Ring und macht einen Salto über die Seile auf Rambo, setzt sich auf dessen Schultern. „Spalten! Spalten!“ Nach weiteren zwanzig Minuten Schlägen, Stürzen und Gerangel drischt Rambo mit dem Meistergürtel auf Pascal ein. „Er hat den Gürtel benutzt, Schiri!“, schreit ein Zuschauer. Der Ringrichter will nichts gesehen haben, zählt Pascal aus. „Unfair!“

Hussein springt in den Ring, fordert sofortige Revanche. Gewährt, weiter geht’s. Diesmal soll nur der Titel des Berlin-Champions auf dem Spiel stehen. Pascal gewinnt. Und so bleibt Rambo am Ende Mittelgewicht- und Pascal Berlin-Champion. Ob man gewinnt oder verliert, ist eigentlich egal, sagt Pascal. Wrestling-Promoter, die die Wrestler immer wieder für Shows auch außerhalb Berlins buchen, erstellen ein Unterhaltungsprogramm, sagt er. Gebucht wird, wer unterhält, und nicht, wer gewinnt. Wenn der Favorit verloren hat, kommt der Zuschauer wieder, weil er sehen will, wie sein Held beim nächsten Mal Rache nimmt. „Diese Emotionen bei den Menschen hervorzurufen, das musst du erst mal schaffen.“

LEKTION 5: EIN WRESTLER MUSS DURCHHALTEN

„Wer denkt, er ist wer, hat aufgehört, jemand zu werden.“ (Hussein, frei nach Sokrates)

Nach der Show sitzen die Wrestler bei einem Italiener in Neukölln, Karl-Marx-Straße. Die Gruppe von gut fünfunddreißig Leuten besetzt den ganzen Kellerraum, helle Holztische, mediterran anheimelnde Steinwand. Auch zwei Fans sind da, die Jungs mit Masken. Pascal hängt in der Bank, die Beine ausgestreckt, an der Hand seine Freundin, im I-love-Spalter-Shirt. Erkan sitzt vor seinem Teller Spaghetti Carbonara und kriegt nichts runter. Claudia hat Rückenschmerzen. Hussein sagt: „Ich bin echt stolz auf euch.“

Einmal, da hätte Hussein es fast nach Amerika geschafft. Den Vertrag hatte er schon unterschrieben und verschickt. „Aber genau an dem Tag wurde die Liga aufgekauft“, sagt er. Wäre der Vertrag früher angekommen, hätten sie ihn übernehmen müssen. Irgendwie, sagt Hussein, hatte er immer Pech mit den großen Jobs. Jetzt sind seine Schüler dran.

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