Nach dem Rummel

von lschnabl

Sabrina wuchs im Spreepark auf, einem Freizeitgelände in Berlin. Die Eltern gingen pleite, zehn Jahre stand der Park leer. Jetzt versucht sie, die Ruine wieder zum Leben zu erwecken. Von Lena Schnabl (Süddeutsche Zeitung, publiziert am 13. Januar 2014) 

Sabrina Witte hat ein Riesenrad im Garten. Außerdem hat sie eine durchdringende Jahrmarktstimme und ein Würstchenimperium. Heute wird sie durch den Spreepark in Berlin-Treptow führen. Sie zieht ihren pinkfarbenen Lippenstift nach und trägt noch mal Rouge auf, bevor sie sich vor die 50 Besucher stellt und die Show beginnt. „Ich bin die Tochter der Noch-Eigentümerin Pia Witte. Wenn Sie uns und unsere Familiengeschichte noch nicht kennen, keine Sorge: Auch Sie werden wir schockieren.“

Sabrina, 29, dünn gezupfte Augenbrauen und strenger Pferdeschwanz, spricht mit dieser Stimme, die man aus Rummelplatz-Lautsprechern kennt, die es gewohnt ist, melodisch ins Mikrofon zu raunen: Bitte anschnallen, jetzt geht’s los! Doch hier geht nichts mehr los, für 15 Euro Eintritt sehen sich die Gäste unkrautumwucherte Fahrgeschäfte an. Und sie hören Sabrinas Geschichte.

Der Spreepark war einst der größte Rummel der DDR. Dann kamen die Wittes, eine traditionsreiche Schaustellerfamilie aus Hamburg, bauten alles um – und gingen Konkurs. Auf die Insolvenz und 15 Millionen Euro Schulden folgte ein gescheitertes Abenteuer in Südamerika, seitdem sitzt Sabrinas Bruder im Gefängnis. Dazu später. Seit die Wittes 2001 weggingen, liegt das knapp 30 Hektar große Gelände brach. Die Scheiben der Fahrerhäuschen sind eingeschlagen, die Stahltreppen verrostet, die Holzbalken morsch. Aber seit vier Jahren ist Sabrina zurück: Sie betreibt am Wochenende ein Café am Parkeingang. Nur bei Veranstaltungen und ihren wöchentlichen Führungen kann man rein, die übrige Zeit sind die Tore verschlossen. Ein Zaun und eine Sicherheitsfirma halten Einbrecher vom Gelände fern.

Sie ist hier aufgewachsen. Zwischen Dinosauriern, Autoscooter und Achterbahn hat sie Radfahren gelernt, hat sich mit 13 ohnmächtig betrunken, hat vor dem Parkeingang das erste Mal geküsst. Alle Erfahrungen, die sie zwischen vier und 16 Jahren gemacht hat, sind mit dem Park verwoben.

Fünf Minuten nach Beginn der Führung. Sabrina Witte deutet auf einen Rasen links. Hundert Augen folgen. Dort, wo ein roter Imbisswagen mit der Aufschrift „Schlemmerhütte“ steht, hob früher der „Fliegende Teppich“ ab. Eine Gondel an einem stählernen Arm, der die Gäste mit Wucht auf und ab schleuderte. „Mein Vater hatte ihn in Peru dabei“, ruft sie. „Dort wurden 167 Kilo Kokain reingeschweißt.“

Spätestens jetzt hören alle gebannt zu. Mit ausladenden Armbewegungen erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. Die in Deutschland insolventen Wittes wollten nach der Pleite in Berlin in Lima einen Freizeitpark eröffnen, Sabrina war damals 17. Doch etliche Fahrgeschäfte blieben im Zoll hängen, das feuchte Klima ruinierte sie. Die Einnahmen vom abgespeckten, neuen Park gingen für die Reparaturen drauf. Die Eltern trennten sich, Sabrinas Mutter ging mit den vier Töchtern zurück nach Deutschland. Der Sohn blieb beim Vater in Südamerika. Um an Geld zu kommen, lieh sich Sabrinas Vater in zwielichtigen Kreisen große Summen. Schließlich schloss er den Drogendeal.

Der „Fliegende Teppich“ sollte, gefüllt mit Kokain, nach Deutschland verschifft werden. Vater Witte war vorgereist, um die Lieferung entgegenzunehmen. Fahnder hatten ihn im Visier, der Deal flog auf, der Vater wurde verhaftet. Seit er wieder frei ist, wohnt er in einem Wohnmobil im Park. Auch Sabrinas Mutter wohnt dort. Oft sitzen sie gemeinsam mit ihren neuen Partnern in Sabrinas Café, rauchen und reden. Sabrinas Bruder, damals 22 Jahre alt, sitzt noch immer im Gefängnis. Er wurde in Peru zu 20 Jahren Haft verurteilt. Zwölf davon sind bisher rum.

Junge Touristen in bunten Leggings und Hotpants lachen und schießen ein Foto von der leeren Wiese. Die Illusion überdeckt die Realität. Sie stecken drin in Sabrinas Geschichte. „This is really cool“, sagen zwei Amerikaner mit Baseballkappen. Sie sind gekommen, weil der alternative Reiseführer den Spreepark als „lost place“ mit halblegalem Flair anpreist. Abenteuer verkauft sich.

Die „Schlemmerhütte“, der mobile Imbiss, der statt dem Fahrgeschäft nun auf dem Rasen steht, ist Sabrinas eigentliches Geschäft. Fünf Tage die Woche verkauft sie damit in Berlin Chili-Krakauer, Buletten und Bratwurst. Sie sagt, sie besitze noch mehr Imbiss-Stände in Hannover, Hamburg und Holland. „Du baust auf, stehst den ganzen Tag in deinem Geschäft, stinkst abends wie ein Stück Wurst, machst Feierabend, putzt drei Stunden.“ Am nächsten Morgen das gleiche. „Das geht mir tierisch auf den Sack.“ Das erzählt sie nicht während der Führung, sondern danach, während sie in einer Pilzpfanne rührt, der vegetarischen Spezialität der „Schlemmerhütte“. Im Park muss der Alltag draußen bleiben. „Das eine ist das, was du tun musst, das andere ist, wofür dein Herz schlägt. Deswegen arbeite ich an meinen freien Tagen hier.“

Sie wohnt alleine mit ihren Hunden in einem Haus im Wald am Rande Berlins. Sie liest viel, sagt sie, ihr Lieblingsbuch: Don Quichotte. „Steh ich total drauf. Kampf gegen die Windmühlen und so.“ Ihre Lieblingsfigur kämpft gegen Architektur, die sie für Riesen hält, Sabrina Witte kämpft gegen den Rost ihrer Kindheit.

Verkaufen hat sie früh gelernt. Wenn sie nach Taschengeld fragte, habe die Mutter geantwortet: „Du willst Geld? Dann sieh zu, dass du ins Geschäft kommst.“ Schon in der Grundschule drehte sie Zuckerwatte. An den Wochenenden, in den Sommerferien, jeden Tag nach der Schule. Dann schnitt sie Salat, Tomaten und Gurken in der Küche eines Dönerstands. Später saß sie an der Kasse am Eingang. Wenn die Karussells aufhörten sich zu drehen, kam um 19 Uhr eine Privatlehrerin.

Nun flieht sie jedes Wochenende im Spreepark in die Vergangenheit. „Gegen die Würstchenbude sind die Parkführungen wie Urlaub“, sagt Sabrina. Sie spaziert mit der Gruppe zur Wildwasserrutsche. Die Fahrbahn ist nach der Insolvenz eine moosige Wanne geworden, auf dem einst klaren Wasser schneiden Enten Schneisen in den Algenbelag. Zwei Berliner grinsen sich an. „Geht die noch?“ – „Funktioniert einwandfrei“, sagt Sabrina. Als sie vor vier Jahren zurückkam, hat sie das ausprobiert. Sie legte den Schalter um, setzte sich in einen der verdreckten Waggons und fuhr los. Als der Wagen am Ende der Rutsche unten aufschlug, schwappte eine stinkende Welle modriger Algenpampe ins Innere. Den Gestank bekam sie nicht mehr raus, die Kleider warf sie weg.

Aber Sabrina hatte eine gutes Gefühl. Statt Fäule, Rost und Gestank stellte sie sich blinkende Lichter vor, hörte das Freudengekreisch der Besucher und beschloss: Der Park soll wieder leben. Im Herbst 2009 sperrte sie das Tor zum ersten Mal wieder auf. Sie stellte eine Kaffeemaschine in den verschlissenen Holzpavillon am Eingang und nannte ihn „Café Mythos“. Dann kam der Winter und erst mal keine Besucher. „Alle dachten, ich bin bekloppt.“ Unter der Woche stand sie wie immer im Imbisswagen irgendwo in der Stadt. Doch nach und nach sprach sich bei Spaziergängern herum, dass der verlassene Park am Wochenende wieder offen war. Mit dem Frühling kamen die Leute und die Führungen.

Als der Kokain-Deal des Vaters damals platzte, war Sabrina mit ihrer Mutter in Deutschland. Das Bild ihres Vaters ging durch die Medien, Sabrina schlief erst im Auto, dann in einem Container hinter Plastikplanen. Sie habe zwischendurch eine Cocktailbar im Prenzlauer Berg gehabt, die wegen der Sache mit ihrem Vater pleite gegangen sei. „Haarsträubende Geschichten“ nennen das die einen, „das arme Mädchen“ sagen die anderen. Aber Vorurteile gegen die Familie blieben. Einige sagen über die Wittes, sie wollten „mit denen“ nicht zu tun haben, mit der „Assofamilie“. Sie bezweifeln, dass die Familie den Park wieder aufbauen will, sagen, dass sie nur Geld aus dem rostigen Ding pressen wolle. Das Stigma blieb haften, bis heute. Es ist wie mit der Algenpampe in der Wildwasserbahn. „Das kriegst du nicht abgewaschen“, sagt Sabrina. „Du musst lernen, es zu akzeptieren.“

Aber dann gibt es da auch viele, die fasziniert sind: von der Leidenschaft einer Familie, die alles auf eine Karte setzt und scheitert. Auch diese Tragik lässt sich verkaufen. Auf dem Weg zur Achterbahn sagt Sabrina Witte: „Mittlerweile denken alle, wir waren einfach dumm. Wir einigen uns jetzt und hier: Wir bleiben die Verbrecher, das hat mehr Charme.“

Und der Park ist inzwischen nicht nur bei Touristen begehrt. Der verfallene Charme zieht Musiker an: Sido drehte ein Musikvideo, im vergangenen Mai spielten The XX ihr einziges Berlin-Konzert im Spreepark. Pärchen heiraten in den Achterbahnwaggons, Playmates räkeln sich auf den umgestürzten Dinosauriern. Im Sommer wird vorm Riesenrad Theater gespielt. Und in dem Actionthriller „Wer ist Hanna?“ jagte 2011 sogar Hollywoodstar Cate Blanchett bewaffnet über das Gelände. Überlebenstraining, Teambuilding, Fotoseminare: Fast alles ist im Spreepark für Geld möglich – „außer Pornos“, sagt Sabrina, auch dafür kamen schon Anfragen. Die Veranstaltungen bringen Geld in die Kasse. „Aber um alles wieder aufzubauen, brauche ich mehr“, sagt Sabrina. Deswegen spiele sie Lotto und Eurojackpot. „Wie eine Geisteskranke, aber das bringt sowieso nichts. Ich ziehe die Scheiße einfach magisch an.“

Im Hintergrund quietscht das stillstehende Riesenrad im Wind, und Sabrina erklärt, warum es damals schief ging mit dem Spreepark. Nachdem ihre Familie den Pachtvertrag unterschrieben hatte, seien Teile des Gebiets zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden. Deswegen, und wegen der schlechten Infrastruktur, durften sie keine Parkplätze bauen. Und weil es die nicht gab, durfte die Zufahrt zum Park nicht beschildert werden. Die Besucherzahl wurde auf 260.000 pro Jahr begrenzt. Als Wittes übernahmen, hatten sie mit eineinhalb Millionen Besuchern gerechnet, so viele waren es angeblich zu DDR-Zeiten – auch ohne Parkplätze, denn damals seien die Besucher noch zu Fuß durch den Plänterwald gekommen. „Aber wie viel Eintritt willst du nehmen, damit das profitabel ist?“, sagt Sabrina. „Das geht nicht.“ Mittlerweile ist aus der Wasserbahn ein Biotop geworden und aus einem Rollrasen eine seltene Trockenwiese, die die Gäste nicht betreten dürfen.

Auch wenn sich seit Jahren immer wieder Investoren für das Gebiet interessieren, gelang es dem Land Berlin bisher nicht, den schuldenbeladenen Pachtvertrag für das Gelände anderweitig zu verkaufen: Der neue Pächter müsste erst die Schulden begleichen, bevor er in das Areal investieren kann. Deswegen besitzt immer noch Sabrinas Familie den Erbpachtvertrag, eine Art Mietvertrag. Er gilt bis 2061. Das Land Berlin, der Verpächter, sucht nach einer Lösung. „Sie werden nie jemanden finden, der das Grundstück mit so viel Herzblut betreibt“, sagt Sabrina, „es ist verdammt noch mal mein Zuhause.“ Sie befürchtet, dass das Riesenrad Luxuswohnungen weichen muss. Eine Oma mit Goldkettchen und Trekkingsandalen schimpft: „Also, wie das Land Berlin das in eurer Abwesenheit hat verrotten lassen… Sagen Sie nur Bescheid, wenn hier die Bagger kommen. Ich werde da sein und mit euch kämpfen!“

Die Gruppe läuft den Betonweg hinter dem Riesenrad entlang Richtung Ausgang. Auf einmal bleibt Sabrina stehen, stellt sich auf die Zehenspitzen und breitet die Arme aus. „Das!“, ruft sie. „Das ist mein persönlicher Walk of Fame!“ Sie deutet mit den Händen auf kleine Fußabdrücke im Beton. Als er frisch gegossen wurde, ist sie hier durchmarschiert, obwohl die Eltern es verboten hatten. Sabrina Witte stellt sich in ihre Kinderfußabdrücke. Sie reißt die Augen auf, tänzelt dann die Spuren entlang und imitiert, wie sie als Kind den Weg ramponierte. Sollten neue Pächter den Park ihrer Kindheit eines Tages platt machen, ruft sie, wisse sie schon, was sie machen werde. Kurz bevor die Bagger anrücken, wird sie eine Betonsäge ausleihen. Wenn sie den Spreepark verlässt, nimmt sie ihre Fußspuren mit.

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